„Ich hab schon als Kind gefragt, ob das wirklich stimmt“ - Erzählnachmittag mit einer 90-jährigen Dame

Quelle (Text und Bild): Aniko Reintke

 

Wie war das Leben eines Dorfkindes in den Jahren vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg? Um Antworten auf diese Frage zu erhalten, baten wir eine vor wenigen Wochen 90 Jahre alt gewordene Ahamer Zeitzeugin, im Rahmen der Reihe „D´Gschicht und Gschichtn“ im Museumstreffpunkt aus ihrem Leben zu erzählen. Entstanden ist ein ebenso bewegender wie unterhaltsamer Nachmittag voller Erinnerungen an Krieg, Armut, Glauben, Familie und den Mut, schon als Kind Fragen zu stellen.

 

Ihre erste Erinnerung reicht zurück bis ins Alter von drei Jahren. Ein Nachbarhof stand in Flammen. Als das kleine Mädchen, erfüllt von den Bildern des Feuers, vom Lärm und von der Angst, nach Hause ging, sah sie zum ersten Mal Kriegsflugzeuge über sich hinwegziehen. Das Kriegsgeschehen war dem kleinen Dorf plötzlich ganz nah gekommen.

 

Später beobachtete sie auf dem Feld ihren Vater beim Arbeiten mit seinen Ochsen, als sich über ihr zwei Flugzeuge bekämpften – ein deutsches und ein englisches. Sie war buchstäblich mittendrin. Über ihr tobte das Luftgefecht. Das deutsche Flugzeug zog danach ab, der englische Flieger stürzte bei Poxau in die Vils. Solche Bilder blieben ihr ein Leben lang im Gedächtnis.

 

Trotz aller Härten bewahrte sie sich als Kind ihre eigenen Rückzugsorte. Besonders liebte sie die Birnbäume weit hinter dem Haus. Dort herrschte, wie sie erzählt, „eine andere Welt, eine andere Luft, ein anderes Gefühl“. Schon als junges Mädchen dichtete sie dort. Ein gerahmtes Gedicht in ihrem Haus erinnert noch heute daran.

 

Eine ihrer prägendsten Kindheitserinnerungen ist mit ihrer Einschulung verbunden. Ihr Vater brachte sie auf der Fahrradstange zur Schule. Dort fragte die Lehrerin: „Ist das die Letzte von der ersten Frau?“ Das Kind verstand die Bemerkung nicht und fragte auf dem Heimweg nach. Der Vater fuhr mit ihr zum Friedhof, blieb vor einem Grab stehen und sagte: „Das daheim ist nicht deine Mutter. Deine Mutter liegt hier. Du gießt das Grab deiner Mutter.“ Während der Vater lange am Grab weinte, lief das Mädchen zwischen den Gräbern umher. Zuhause sprach sie ihre Stiefmutter an: „Du bist ned mei Mama. Ich weiß, dass du zu klein bist.“ Geliebt worden sei sie von ihrer Stiefmutter nicht, berichtet die Erzählerin. „Der war ich egal.“

 

Mit Humor erzählt sie auch von ihrem Besuch beim Zahnarzt in Gerzen. Aus Angst vor der Behandlung lief sie davon und drehte sich erst an der Brücke Richtung Johannesbrunn wieder um. Weit hinter ihr liefen bereits der Arzt und ihre Schwester. „Die hätten mich niemals eingeholt“, erinnert sie sich lachend. Am nächsten Tag erschien der Doktor persönlich am Hof. Die kleine Patientin versteckte sich. Nach einem Blick in den Mund ihrer Schwester erklärte der Zahnarzt schließlich, alles sei in bester Ordnung.

 

Die Familie war arm. Der Vater war kein Mitglied der NSDAP. Deshalb erhielt die Familie manches nicht, was anderen zustand – sogar Schuhe wurden ihnen verweigert. Oft gingen die Kinder barfuß oder nur in Strümpfen zur Schule. Im Winter hingen die nassen Strümpfe zum Trocknen am Ofen im Schulhaus. Vor dem Unterricht mussten die Kinder nüchtern den Gottesdienst besuchen. An Lernen mit hungrigem Magen war da oft nicht zu denken. Immer wieder sagt sie dazu: „Ja das war halt damals a so.“

 

Der Vater galt als kritischer Geist. Nachdem er eine Rede Hitlers gehört hatte, sagte er öffentlich, dieser werde das Land zugrunde richten und der Krieg sei bereits verloren. Ein anderer Mann entgegnete ihm: „Nur weil du so viele Kinder hast, bist du noch daheim.“ Mit insgesamt neun Kindern war die Familie groß.

 

Schon früh begann das damals junge Mädchen, Autoritäten und überlieferte Wahrheiten zu hinterfragen. Als der Pfarrer von Adam und Eva und deren beiden Söhnen erzählte, fragte sie sich, woher dann die weiteren Menschen gekommen sein sollten. „Da konnte etwas nicht stimmen, da fehlte was“, erinnert sie sich schmunzelnd. Dieser Drang, Dinge verstehen zu wollen, zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Erinnerungen.

 

Auch die strengen Regeln der damaligen Zeit blieben ihr in Erinnerung. Nach der Beichte erhielten die Gläubigen Beichtzettel. In der folgenden Woche kontrollierte der Pfarrer die Familien und achtete darauf, ob für jede Person ein Zettel vorhanden war. Die Leute wussten sich jedoch zu helfen und gaben die Zettel nach der Kontrolle heimlich weiter, damit niemand in Ungnade fiel.

 

Besonders schmerzlich war der Verlust eines älteren Bruders, den sie sehr liebte. Während seiner Heimaturlaube stritt er oft mit dem Vater, weil er zunächst an Hitlers Ideen glaubte. Beim letzten Heimaturlaub sagte er schließlich: „Vater, ich glaub, du hast recht ghabt.“ Wenig später fiel er im Alter von nur 24 Jahren im Krieg.  

 

Manches erzählt die Zeitzeugin mit einem Augenzwinkern. So verkleidete sich einmal ihre Schwester als Nikolaus. Der kleine Bruder erkannte sie jedoch sofort und riss ihr die Verkleidung vom Leib. Sie kam ganz zerrupft nachhause. „Ich hab's ihr jetzt mal richtig gezeigt“, verkündete er stolz. Die 90-Jährige lacht heute noch darüber.

 

Auch die Kleidung war damals streng geregelt. Mädchen durften keine Hosen tragen. Aus Stoffresten, die aus einer verlassenen Militärbaracke organisiert worden waren, ließ die Familie für sie eine warme Hose nähen, die sie unter dem Rock trug. Weil der Pfarrer dies nicht sehen sollte – er hätte ihr die Hose weggenommen –, versteckte sie diese außerhalb der Ortschaft in einem Holzstoß und zog sie erst beim Nachhausegehen wieder an.

 

Nach Kriegsende fanden die Geschwister heraus, dass amerikanische Besatzungssoldaten Vorräte in Konservendosen vergraben hatten. Immer wieder gelang es ihnen, etwas Zucker oder andere Lebensmittel zu bergen – ein kleiner Schatz in einer Zeit des Mangels.

 

Besonders eindringlich sind ihre Erinnerungen an die jüdischen Häftlinge, die auf dem Todesmarsch auf den Nachbarhof getrieben wurden. Sie sah die Menschen mit ihren eingefallenen Gesichtern und den zerlumpten Kleidern. Noch nie zuvor hatte sie solch geschundene Menschen gesehen. Ein SS-Mann zählte, die in Reihe gestellten Gefangenen, laut ab: „103.“ Das beobachtende Mädchen zählte nach. Tatsächlich: 103 Menschen. Einer ihrer Brüder wollte ihnen abends heimlich Kartoffeln rüber bringen – im Hemd und in den Taschen versteckt. „Das reicht doch niemals für 103 Menschen“, dachte das Mädchen damals. Als der Hilfeversuch entdeckt wurde, wurde ihr Bruder mit dem Tod bedroht und vertrieben.

 

Ein Erlebnis verfolgte die Zeitzeugin noch lange. Sie erinnerte sich an zwei jüdische Gefangene, die versuchten zu fliehen. Sie wurden gefasst und erschossen. Als Kind träumte sie immer wieder davon. Sie selbst kannte Verstecke und mögliche Fluchtwege in der Umgebung und fragte sich später oft, ob die Menschen hätten gerettet werden können, wenn diese sie gekannt hätten. Diese Gedanken ließen sie noch lange nicht los.

 

Auch mit 90 Jahren erzählt die Seniorin klar, lebendig und oft mit feinem Humor. Ihre Lebenserinnerungen sind weit mehr als persönliche Geschichten. Sie geben Einblick in eine Zeit, die für jüngere Generationen kaum noch vorstellbar ist – und zeigen zugleich eine Frau, die schon als Kind den Mut hatte, Fragen zu stellen und selbst zu denken.

 

Zum Dank für ihre eindrucksvollen Schilderungen erhielt die Jubilarin einen Blumenstrauß, ihren Lieblingssirup sowie eine Museumsmaus, das Erkennungszeichen des Museumstreffpunkts Aham.

 

Die Veranstaltung fand im Rahmen der Reihe „D´Gschicht und Gschicht`n“ statt. Eine weitere ist bereits für den Herbst geplant. Dann werden im Museumstreffpunkt Aham erneut Erinnerungen lebendig werden und ein Stück regionaler Geschichte aus erster Hand erzählt werden.

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